Beobachtungsbericht vom 24./25. April 2001, Niederleis - First Light TMB 105/650 APO ======================================================== Es kennt wohl jeder Fernrohrbesitzer diese Situation: Man hat ein neues Teleskop bekommen und wartet fieberhaft auf klaren Himmel, um das neue "Spielzeug" ausprobieren zu können, nur das Wetter will und will nicht besser werden... In meinem Fall handelt es sich um einen apochromatischen Refraktor mit 4.1" Öffnung, Design von Thomas M. Back/USA, russische Optik in deutschem CNC-Tubus, ausgelegt für Mittelformatfotografie. Visuell wird er ohne Bildfeldebnungslinse eingesetzt. Der massive Tubus bringt 11 kg in beobachtungsbereitem Zustand (mit Okular im Auszug) auf die Waage, das trägt die GP-DX Montierung zwar noch, viel mehr sollte es allerdings nicht mehr sein. Das Gerät soll meine Standardoptik für die Wide-Field Fotografie von großflächigen Deep-Sky Objekten werden. Würde es meine Erwartungen an visueller und fotografischer Performance auch erfüllen? Am Dienstag, den 24.4., war es dann endlich soweit: Ein Zwischenhoch sorgte für viel Sonne unter Tags und für eine klare Nacht. Howdii und ich hatten uns zu einer First-Light Session mit dem neuen TMB 105/650 APO auf den Feldern oberhalb von Niederleis im Weinviertel/Niederösterreich verabredet. Als Vergleichsoptik sollte mein "alter" APM 102/650 APO dienen, der auf Howdiis SP-DX montiert wurde. Der APM hat die gleiche Brennweite bei geringfügig weniger Öffnung. Ich war schon um 20:30 vor Ende der Dämmerung vor Ort, da ich eigentlich noch Jupiter und Saturn in brauchbarer Höhe über dem Horizont beobachten wollte. Jedoch war das Seeing nicht gut und verschmierte jedes feine Detail, die beiden Planeten präsentierten sich ähnlich wie in einem 6cm Refraktor, nur heller. Schlechtes Tubusseeing verursacht durch das thermische Abkühlen des massiven Refraktors mag auch dazu beigetragen haben. Der 55mm Sucher mit Amiciprisma ist etwas gewöhnungbedürftig, jedoch kann das Prisma ausgebaut und das Fadenkreuzokular ausgewechselt werden. M37 war unser erstes Deep-Sky Beobachtungsobjekt. Im hellen Weinviertler Himmelshintergrund "ertrank" der Sternhaufen im 22mm Panoptik bei 30x fast, besser gefiel mir der Anblick im 15mm Panoptik (43x). Saubere Abbildung der Sterne in beiden APOs. Beide Refraktoren besitzen ein merklich gewölbtes Gesichtsfeld, auffällig vor allem in Weitwinkelokularen, das Auge kann das jedoch durch Akkommodation ausgleichen. M38 und dessen kleiner Nachbarsternhaufen NGC 1907 waren unser nächstes Ziel. Das Nagler 9mm Okular (72x) erwies sich als gerade richtig, um NGC 1907 problemlos im TMB in Einzelsterne auflösen und noch nicht zu dunkel erscheinen zu lassen, 7.5mm (87x) im APM war doch schon etwas zu viel. Bei der Gelegenheit fiel mir auf, daß ich mein 9mm Meade Plössl Fadenkreuz-Okular im TMB APO nicht fokussieren konnte, das Fokussierer-Verlängerungsstück mit 3" Durchmesser ist etwas zu lang dafür. Alle anderen Okulare konnte ich fokussieren, bei Einsatz einer kurzen Barlow-Linse könnte es jedoch auch Probleme geben. Castor - Alpha Geminorum - ist ein bekannter Doppelstern mit 3.9 Bogensekunden Abstand, in beiden Teleskopen problemlos bei 72x bzw. 87x zu trennen. Bisher war noch kein Unterschied zwischen den beiden APOs festzustellen. Beim Leo-Triplett, bestehend aus den Galaxien M65, M66 und NGC 3628, fielen erstmals Differenzen zwischen den beiden Optiken auf. Bei 30x war vor allem die edge-on Galaxie NGC 3628 im TMB leichter zu erkennen als im APM. Die charakteristischen Formen von M65 und M66 waren in beiden Teleskopen gut zu sehen. M3 in den Jagdhunden war unser nächstes Deep-Sky Objekt. Bei 163x zeigten sich ebenfalls Unterschiede zwischen den beiden APOs: Der Kugelsternhaufen war im TMB ein klein wenig heller und die Sterne geringfügig besser definiert. Manche Sterne, die ich im APM nur indirekt halten konnte, zeigten sich im TMB direkt. Die Unterschiede sind, das muß betont werden, gering, und fallen nur im direkten Vergleich auf, wenn man die beiden Optiken nebeneinander stehen hat und die gleiche Vergrößerung einsetzt. Algieba, der "Halsstern" des Löwen, ein schöner Doppelstern, war mit 4.7" Abstand weit getrennt in beiden APOs bei 163x. Nachdem wir uns mit all den Deep-Sky Objekten und Doppelsternen "eingeschaut" hatten, war es Zeit für einen Startest. Als Teststern diente zunächst Arktur bei 163x. Testokulare waren ein 4mm Zeiss Abbe und ein 4mm Televue Radian, die zwischen den beiden APOs hin- und hergewechselt wurden. Der APM APO zeigte wie gewohnt etwas sphärische Unterkorrektur und geringfügig sechseckige Beugungsscheibchen intra- und extrafokal (geringe Verspannung der druckempfindlichen Optik durch die Montierung im Tubusflansch). Der TMB APO zeigte besser definierte extrafokale Beugungsmuster, also weniger Unterkorrektur, und keinerlei Verspannung. Der TMB hat einen schärfer definierten Fokus, ein derart scharfes "Einschnappen" des Fokus kennt er sonst von keiner Optik, meint Howdii. Um die Farbkorrektur zu untersuchen, nahmen wir uns Vega als weißen Teststern vor, wieder bei 163x. Intrafokal zeigen sich in beiden Optiken Farben, nahe dem Fokus eine blau-grüne zentrale Scheibe mit einem hellen gelben äußeren Beugungsring, der am äußeren Rand ins Rote übergeht. Beim TMB APO waren die Farben etwas stärker ausgeprägt als beim APM. Extrafokal erscheinen die Beugungsringe beim APM aufgrund der sphärischen Aberration eher diffus und farblos. Der TMB mit den schärfer definierten Beugungsringen zeigte eine ganze Reihe von Farbtönen in den extrafokalen Beugungsringen, von rot über gelb zu blau-grün in sehr enger Folge knapp am Fokus. Im Fokus sind beide APOs (nahezu) farbfrei und zeigen klar definierte Beugungsringe. Der TMB scheint den geringeren Streulichthof zu haben, was wohl durch besser Streulichtblenden erreicht wird. Daß man den Farbverlauf im TMB so deutlich sieht dürfte eine Folge der geringeren sphärischen Aberration sein, meint Howdii. Für die normale Beobachtung, die man ja fokussiert vornimmt, spielt er keine Rolle. Abschließend beobachteten wir noch M51, M57 und M13. Bei M51 enttäuschte mich der aufgehellte Himmelhintergrund, ich habe diese Galaxie im APM vor kurzem auf der Ebenwaldhöhe weit besser gesehen. Unter den gegebenen Bedingungen konnte der 14.2 mag Stern in der Umgebung des Ringnebels M57 im TMB nicht gesehen werden, jedoch sollte das bei besseren Bedingungen möglich sein. Von M13 lieferten beider Refraktoren wiederum einen saubere Abbildung, wobei die Helligkeit und Definition der Einzelsterne im TMB wiederum ein bischen besser erschien als im APM. Danach verabschiedete sich Howdii, ich jedoch bleib noch um - wie geht's bei Walter anders - noch zwei Fotos mit dem TMB zu machen, das soll ja schließlich der Hauptverwendungszweck des Refraktors werden. Fotografiert habe ich ohne die Bildfeldebnungslinse (mir fehlt für meine Nikon noch der geeignete Adapter) und mit Off-Axis Guider. Als Aufnahmeobjekte boten sich M101 und in der frühen Morgendämmerung M13 an. Die Fotos habe ich inzwischen schon entwickeln lassen. Beide Fotos zeigen am Rand ein wenig unscharfe und radial verzeichnete Sterne, eine Folge von Bildfeldwölbung und off-axis Astigmatismus, jedoch fällt die Verzeichnung geringer als beim APM Refraktor aus. Die Definition der Objekte im Zentrum ist ausgezeichnet. Ich habe für die beiden Fotos in der Mitte des Bildfeldes fokussiert. Wenn man gegen den Rand zu fokussiert - idealerweise etwa in der 70%-Zone - werden Verzeichnung und Bildfeldwölbung wohl kaum mehr auffallen, das werde ich noch nachprüfen. Unter Einsatz der Bildfeldebnunglinse freilich sollte die Fokalebene des Refraktors vollständig eben sein. In der Morgendämmerung stieg Mars schon relativ hoch über den Horizont, also richtete ich den TMB Refraktor auf diesen Planeten. Seeingbedingt war einen Vergrößerung von 217x vernünftig. Der Planet, den ich zum ersten Mal in diesem Jahr mit einem Teleskop sah, war zwar erst 13" groß und zeigte noch deutlich Phase, dennoch waren die Große Syrte, die Südpolkappe, das Hellas-Becken und die Elysium-Ebene gut zu erkennen. Der TMB zeigte ein erfreulich scharfes und detailreiches Bild des roten Planeten. Nach dieser Planetenbeobachtung beendete ich die lange First-Light Nacht. Meine Zusammenfassung über den TMB 105/650 APO klingt fast genauso wie diejenige in meinem First-Light Bericht vom APM APO von 1999: Ausgezeichnete Performance, sehr geringe sphärische Unterkorrektur (geschätzt lambda/8, vielleicht sogar besser), gutes Kontrastverhalten, saubere, wohldefinierte Sternabbildung. Das Gerät ist trotz seiner relativ kleinen Öffnung von 4.1" für Deep-Sky Beobachtungen geeignet und Planetenbeobachtungen sind damit eine Freude. Fotografisch dürfte er meine Erwartungen erfüllen, das werde ich freilich anhand von weiteren Fotos noch genau evaluieren. Clear Skies, DI Mag. Walter Koprolin http://www.astro.univie.ac.at/~koprolin/